Ach Werbung, du alte Schlunze …

Vorab folgende Fakten: Ich wurde in diesem Monat 45 Jahre alt. Seit etwa zwei Jahren habe ich nicht mehr getextet, sondern vergnüge mich seitdem mit Social-Media-Redaktion, bloggen, twittern, habe zwischendurch zum ersten Mal ein Roman-Manuskript zusammengelötet und dann war ich bei all dem Trubel sogar mal’n Eis essen … So weit also alles hübsch.

Plötzlich aber, ohne Zutun meinerseits, meldeten sich neulich verschiedene Kollegen, Kunden und Agenturen mit der Bitte, ob ich nicht mal wieder texten wollte. Alle auf einmal, als hätten die sich abgesprochen. Das ehrt mich natürlich und vielen Dank dafür. Trotzdem wundert es mich. Ich habe allesamt gefragt, was da eigentlich los sei. Nach meinen Berechnungen müsste ich in meinem vorgerückten Alter seit mindestens zehn Jahren zum alten Eisen gehören. Man fühlt sich ja fast um seinen verdienten Vorruhestand gebracht. Wo steckt denn bitte der Nachwuchs? Wo sind die jungen Wilden? … Keine Ahnung, sagten mir die Leute. “Wir finden irgendwie keine Texter mehr, schon gar keine jungen”, erklärte man mir. Na dann, denke ich, drehen wir mal wieder die eine Runde. Man ist ja auch neugierig zu sehen, ob der alte Motor wieder anspringt. Und immerhin dieses Genre des Schreibens habe ich bestimmt nicht verlernt:

Warum fehlt denn nun der Nachwuchs? Einen schönen Beitrag dazu lieferte kürzlich mal wieder die Werbeagentur Jung von Matt. Mit ihrem Sixt-Mollath-Motiv haben die allseits beliebten “Kreativen” gerade ein neues, noch tieferes Kellergeschoss ihres Niveau-Untertagebaus erschlossen. (Ein beeindruckendes Worst-of Jung von Matt finden Sie hier bei Stefan Niggemeier.) Das Image der Werber in der Öffentlichkeit rangiert, so liest man, längst unter dem von Politikern und gerade noch vorm Versicherungsvertreter. Dementsprechend braucht man sich über ausbleibenden Nachwuchs keine Sorgen zu machen. Mir liegen natürlich keine Statistiken dazu vor, weswegen ich zu einem kleinen Trick greife. Nennen wir es mal: bloße Behauptung.

blackberry_häAber lassen wir mal diese fürs Spektakel sorgenden Agenturen bei Seite. Die sind nämlich weder besonders interessant noch repräsentativ. Tatsächlich kenne ich viele fähige und intelligente Leute, die in der Werbung arbeiten. Diese Kollegen sind in der Regel weniger mit der eigenen Selbstbeweihräucherung beschäftigt als mit dem leidlich bekannten Problem, dass es einfach viel zu viele austauschbare und überflüssige Angebote und Produkte gibt, die zu bewerben der Quadratur des Kreises sehr nahekommt, weil es meist einfach nichts gibt, für das man werben könnte. Etwas Hübsches mag man mittels Werbung noch etwas aufhübschen können. Aber eine Tüte heiße Luft bleibt eine Tüte heiße Luft, da hilft auch keine Werbung. Bemüht man sie trotzdem, sind die Ergebnisse bekanntlich oft einfach nur hilflos. (Ein Beispiel: Kürzlich habe ich ein paar Minuten über diese Anzeige von Blackberry gebrütet. Ich komme beim besten Willen nicht dahinter, womit und wie mich dieses Motiv für die beworbenen Produkte begeistern möchte.)

So weit, so bekannt. Aber deswegen muss es ja nicht so bleiben. Während ich also mal wieder eine Runde texte, schraube ich parallel an einem Plan, wie man es ganz anders und besser machen kann. Damit werde ich mich demnächst aus der Deckung wagen. Als Andeutung dazu diese Gesprächsnotiz: Ich hatte kürzlich einem Freund von meinem Plan erzählt. Der antwortete daraufhin, ich würde mich wie ein 20-Jähriger anhören, der auf Punk macht. “Mag sein”, sagte ich. “Der Unterschied ist nur, dass ich nicht 20, sondern 45 bin, das Business inzwischen kenne und trotzdem oder jetzt erst recht Lust auf Punk habe.” Mehr dazu demnächst.

Ach ja, natürlich gibt es auch Beispiele für gelungene Werbung. Über eine charmante Guerilla-Kampagne berichtete kürzlich hier der Postillon.

3 Gedanken zu „Ach Werbung, du alte Schlunze …

  1. Textzicke

    Ui, das hört sich ja spannend an. Wenn weitere Textgewalt gebraucht wird, weißt Du ja, wo Du fragen musst, NICHT WAHR??! ;)

    Ansonsten: wahre Worte. Die “Großen” in der Werbebranche vergessen vor lauter Wichtigtuerei, Unbedingtkreativseinmüsseritis und Schielen auf potenzielle Awards oft das Wesentliche – nämlich ordentliche, funktionierende Werbung. Ich habe als Einzeltexterin schon verantwortlich komplette Werbestrategien für Unternehmen gefahren. Mit einem professionellen Team von Freelancern, die jederzeit auch das Werbemeer jenseits des Tellerrands im Blick haben, geht das nämlich ganz formidabel.
    So. Und jetzt schreibe ich was über Fundraising.

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